Timeline eines Martyriums

Ich sitze am Flughafen Istanbul fest – zumindest für die nächsten zehn Stunden. Gut, „festsitzen“ ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung für meine Situation, immerhin könnte ich den Flughafen verlassen. Das wäre aber verdammt umständlich.

16:30 Uhr

Gerade eben bin ich gelandet, um 2:20 Uhr fliege ich weiter. Mindestens eine Stunde hätte es wohl gedauert, den Flughafen zu verlassen. Anstehen, Passkontrolle, durch die Gänge irren. Es hätte vermutlich auch eine Stunde gedauert, in die Innenstadt zu kommen. Dann hätte ich etwa vier Stunden Istanbul genießen können, bevor ich wieder gen Flughafen hätte hetzen müssen. Das alles bei Dunkelheit. Und Geld hätte der Spaß natürlich auch gekostet – das spar ich mir besser.

Viele Ausreden, am Ende war ich auch einfach etwas bequem. Stress soll man ja vermeiden.

Der aufmerksame Leser fragt sich sicherlich: Wo fliegt der Kerl denn nach diesem zehnstündigen Martyrium hin? Diese Frage beantworte ich gerne, denn die Antwort ist verdammt wichtig, um diesen Blog zu verstehen. Die Reise geht nach Ho-Chi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon. Von dort aus habe ich drei Wochen Zeit, um ins knapp 1700 Kilometer entfernte Hanoi zu reisen.

Das ist meine dritte Reise nach Südostasien. 2014 war ich mit meinem Kumpel Phil in Thailand und auf Bali unterwegs, vergangenes Jahr mit meiner Freundin in Malaysia. Vietnam stand schon lange auf meiner Bucket-List. Ich kann es kaum erwarten, diesen zugegeben, sehr schönen Flughafen verlassen zu können.

Der neue Flughafen von Istanbul kann sich sehen lassen

19:17 Uhr

Ich habe auf einigen Seiten gelesen, dass viele Backpacker diese Strecke auf einem Motorroller zurücklegen. Dadurch soll man das „wahre Vietnam“ sehen, Orte besuchen, an denen man sonst achtlos vorbeifahren würde. Man soll die Menschen kennen lernen, Gastfreundschaft erleben, unberührte Natur schmecken bla bla bla. Das klingt alles toll. Allerdings sitzt man auf diesen Klapperkisten 1700 Kilometer lang wie ein Affe auf dem Schleifstein – laut Google Maps sind das 31 Stunden reine Fahrtzeit. Ich schau‘ mal nach einer Alternative.

Wie ich die Strecke bewältigen will, weiß ich noch nicht. Ich gebe zu, Detailplanung gehört nicht zu meinen Stärken. Der Plan: Mit dem Nachtzug reisen. Das habe ich schon mal in Thailand gemacht – taugt mir sehr. Abends kommt der Schaffner, klappt das Bett aus, bezieht es für dich militärisch akkurat und deckt dich danach zu. Am nächsten Morgen, wachst du am Ort deiner Begierde auf. Klingt doch besser, als tausende Kilometer lang, bei 50 km/h, auf einem Kunstleder-Rollersitzt hin und her zu schrappen.

21:30 Uhr

Halbzeit. Noch fünf Stunden muss ich totschlagen. Nach gratis WiFi suchend, durchstreife ich die riesigen Hallen des neuen Istanbul Airports. Es gibt hier verdammt viele Geschäfte, Cafés und Restaurants. Ein Duty Free Shop größer, als der andere. In der Zwischenzeit habe ich mindestens sieben verschiedene „Eau de was auch immer“ an meinen Unterarmen. Ich dufte, wie eine zum Mensch gewordene Douglas-Filiale. Toll.

Mein Gepäck liegt wahrscheinlich wenige Meter entfernt in einer Lagerhalle. Es hat ewig gedauert, bis ich alles Wichtige beisammen und in meinen Backpack gepackt hatte. „Ich will alles dabeihaben“ trifft dabei auf „leichtes Gepäck ist so befreiend“. Die meisten von euch werden das kennen: nach jeder Reise nimmt man sich vor, das nächste Mal weniger mitzunehmen. Das ist mir nur bedingt gelungen. Zwar habe ich weniger Kleidung dabei, dafür aber umso mehr anderen Blödsinn. Ich hoffe sehr, die Stirnlampe wird mir die ein oder andere tropische Nacht erhellen.

00:37 Uhr

Zwei Stunden. Das Ende meines Flughafen-Aufenthalts ist in greifbarer Nähe. Ständig muss ich an den Film „Terminal“ denken, in dem Tom Hanks als gestrandeter Staatenloser monatelang im New Yorker Flughafen leben muss. Gewisse Parallelen gibt es: Ich kenne nun alle Turkish Delight-Geschmäcker. In jedem Duty Free-Shop kann man diese Süßigkeiten probieren. Mein Favorit ist eindeutig Feige mit Mandel. Ich habe zudem Raki getrunken und erlebt, wie in der Wartehalle eine Bank unter ihrer menschlichen Last zusammenbrach. Die Übeltäter rappelten sich auf, schauten sich um – hat uns irgendjemand gesehen? – und suchten fix das Weite.

01:20 Uhr

Der ganze Airport ist leer, außer Gate B6. In ein paar Minuten beginnt das Boarding. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich eines Tages so sehr auf einen Zehn-Stunden-Flug freuen würde.

Hinterlasse einen Kommentar