Tag drei meines Vietnam-Aufenthalts und Tag zwei, an dem ich weiß: ich muss raus aus dieser Stadt. Ich bin am Flughafen in Ho Chi Minh City (HCMC) angekommen, war einen Abend und zwei volle Tage hier. So viel kann ich Euch verraten: ein Tag reicht vollkommen aus.
Nein, ich will damit nicht sagen, dass ich meinen Aufenthalt in HCMC oder Saigon, wie hier noch häufig gesagt wird, bereue. Beispielsweise habe ich dort die volle Härte des vietnamesischen Straßenverkehrs kennengelernt. Das ist auch gut so, denn ich glaube, diese Stadt hat mich auf den Rest des Landes sehr gut vorbereitet.
How to cross a street
Ich bin mir nicht sicher, ob „Verkehr“ das richtige Wort ist. Denn für mich hängt dieser Begriff auch mit einer gewissen Ordnung oder Systematik zusammen. Und weil das hier definitiv nicht der Fall ist, wäre wahrscheinlich der Begriff „Straßentreiben“ passender.
In Vietnam gilt das Motto „wer bremst, verliert“. Alle Fortbewegungsmittel, seien es Busse, LKWs, Autos oder die Millionen Mopeds, fahren immer die kürzeste Strecke, schneiden sich gegenseitig die Wege ab, eröffnen auf einer offiziell zweispurigen Straße zwei extra Spuren – ach was! Spuren gibt es gar nicht. Die Vietnamesen fahren kreuz und quer, ziehen achtlos rüber, wechseln einfach die Richtung. Immerhin hupen sie, um zu zeigen, dass sie jetzt von hinten angerauscht kommen. Zusammengefasst: Die Erfinder der STVO würden einen Schreikrampf bekommen.

Bei dem, was sich auf Saigons Straßen abspielt, verfallen viele Europäer in eine Art Schockstarre. Sie stehen dann am Straßenrand und schauen mit leerem, ungläubigen Blick zur anderen Straßenseite. Das rettende Ufer. Warten bringt allerdings nichts und Totstellen erst recht nicht. Man muss einfach losgehen, Selbstvertrauen ausstrahlen und das Ziel im Auge behalten. Das Straßentreiben fließt dann um das meist einsame Fußgängerwürstchen drum rum.
Schluss mit lustig, …
…denn hier geht es um Saigon. Im Grunde hat man an einem Tag alles gesehen, was man sehen muss. Meine Empfehlung: Wenn Ihr mit dem Gedanken spielt, nach HCMC zu reisen, bucht euch eine Unterkunft im District 1. Von dort aus könnt ihr alles zu Fuß abgrasen.

Die Ho-Chi-Minh-Statue vor dem Rathaus lohnt sich vor allem, um nette Fotos zu schießen. Dabei das obligatorische Armheben nicht vergessen. Das Opernhaus und das Post-Office sind ebenfalls sehr nette Attraktionen und sicherlich etwas Besonderes. Was die Kathedrale Notre Dame angeht – in jeder französischen Kleinstadt gibt es zehn Mal schönere Kirchen. Das soll nicht abwertend klingen, sondern eher heißen: Es ist halt eine große Kirche. Die eben beschriebenen Sehenswürdigkeiten hatte ich in großzügig gerechneten zwei Stunden gesehen. Man bleibt stehen, bestaunt das Gebäude, schießt ein Foto und weiter.
Nichts für schwache Nerven
Was ich euch wirklich empfehlen kann, ist das Kriegsreste-Museum. In Hof steht verschiedenstes Kriegsgerät wie Panzer, Helikopter und Geschütze. Außerdem wurde ein Abschnitt eines Gefangenlagers nachgebaut. Das ist definitiv nichts für schwache Gemüter, denn hier wird detailliert beschrieben, wie die Haftbedingungen der revolutionären, politischen Gegner des südvietnamesischen Regimes aussahen. Folter und Mord anhand vieler Beispiele belegt. Im Inneren des würfelförmigen Museums könnt Ihr euch Bilder und Waffen anschauen. Mir hat die Aufbereitung des Themas sehr gut gefallen, wobei ich hinzufügen muss: selbstverständlich wird hier nur eine Seite der Medaille dargestellt. Was die Vietcong getan haben, wird in keinem Wort erwähnt.
Noch mehr Trubel…
…findet Ihr auf dem Ben Thanh Markt. Dort wird mit allem Erdenklichen gehandelt. Lebensmittel, Kleidung, Taschen, Uhren, Souvenirs und Vieles mehr. Es herrscht geschäftiges Treiben. Eifrige Verkäuferinnen und Verkäufer wuseln durch die engen Gänge, Touristen stolpern von Stand zu Stand. Es ist laut und in der Halle hängt ein Duft aus Gewürzen, Weihrauch und billigem Kunststoff. Der Ben Thanh Markt ist ein Erlebnis, der Besuch lohnt sich. Wichtig: Immer handeln.
Ein Tag reicht vollkommen aus
Dieser Text soll keine Reisewarnung sein. Saigon kann man sich schon anschauen. Nur hört man unisono, dass ein Besuch im Leben ausreicht. Vielleicht macht sich die Stadt noch? Vielleicht sieht die Lage in ein paar Jahren anders aus? Stand jetzt ist aber: ein Tag reicht, verbummelt eure kostbare Reisezeit nicht in dieser Metropole.
Restaurant-Tipp: Der Secret-Garden hat’s in sich. Super Ambiente auf einem versteckten Dachgarten, leckeres Essen und faire Preise. Vorher aber unbedingt reservieren. So geheim ist der nämlich nicht mehr.
Da habe ich ja was vor mir. Übermorgen geht es los.
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Ich glaube, wenn du es in Saigon durch den Verkehr schaffst, bist du für den Rest der Welt gerüstet. Freu dich auf Vietnam! Ich hatte dort eine sehr geile Zeit.
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