Der Wald am Existenzminimum

Der Wald hält Winterschlaf. Die Bäume sind kahl, zeigen nur wenig Laub. Das wenige Grün, dass am Fuße der uralten Stämme wächst, verdient seinen Namen kaum. Es ist sehr still an diesem eisigen Januarmorgen. Nur das Brummen und Brausen des Stuttgarter Berufsverkehrs schallt leise aus dem Talkessel herauf. 

Gleich acht Uhr. Torsten Lehmann streift durch das Revier hinter dem Degerlocher Waldfriedhof. Würde der 30-Jährige nicht in dieser Fleece-Jacke des Forstamtes Stuttgart stecken, würde man nicht vermuten, dass der Wald seine Arbeitsstätte ist. Lehmann hat lockiges Haar, eine sportliche Statur und einen aufmerksamen Blick. Hier am Waldfriedhof seien viele Waldschäden sichtbar, hatte er im Vorfeld erzählt. Doch wenn man nicht weiß, worauf man achten muss, wirkt der Wald normal. Nichts Auffälliges. Blätter hängen in dieser Jahreszeit ohnehin nicht an den Bäumen. 

„Im Winter ist es echt schwer, Waldschäden zu sehen“, sagt Lehmann. Unter seinen Trekking-Schuhen knirscht der Schotter des Weges. Plötzlich bleibt er stehen und deutet auf drei Buchen: „Da ist es deutlich. Der linke Baum ist vital, dem geht es sehr gut. Er hat viel Feingeäst und die Krone ist fast wie ein Ball geformt. Anders ist es bei der Buche ganz rechts. Die hat Trockenschäden, weil sie in den vergangenen zwei Jahren sehr wenig Wasser bekommen hat. Jetzt hat sie Stress zu überleben. Sie hat eine geringe Krone.“

Torsten Lehmann scheint die Bäume in seinem Forst persönlich zu kennen.

Die vergifteten 80er

Lehmann sieht sofort, wie es um die Flora im Stuttgarter Stadtwald steht. Wenn er von den Bäumen spricht, klingt das so, als kenne er sie persönlich, als hätten sie einen Charakter. Lebewesen, die es zu schützen gilt, denn den deutschen Wäldern geht es ganz und gar nicht gut. Vergangenes Jahr rief der Bund Deutscher Forstleute (BDF) sogar den Klimanotstand aus. Experten sprechen von einer Jahrhundert-Katastrophe, vom Waldsterben 2.0.

Version 2.0, weil deutsche Wälder in den 1980er Jahren schon einmal mit schweren Schäden zu kämpfen hatten. Damals wurden noch keine Katalysatoren eingesetzt, sodass Verkehr und Industrie Unmengen von Stickstoff in die Atmosphäre bliesen. Die Luftverschmutzung hatte dramatische Folgen. „Der hohe Stickstoffanteil in der Atmosphäre störte die Fotosynthese der Bäume. Hektarweise starb der Wald ab“, sagt Lehmann. Mit technischen Mitteln wie Filteranlagen, bekamen die Deutschen das Problem in den Griff. Oder doch nicht?

Extremes Klima macht’s möglich

Die aktuelle Ursache hängt nur indirekt mit der Luftverschmutzung zusammen – die Rede ist vom Klimawandel. In der letzten Dekade folgten mehrere Extremjahre aufeinander. 2018 war besonders verheerend: Schneebruch im Winter, Hitze, Dürre und der Borkenkäfer im Sommer. Laut BDF seien in den vergangenen zwei Jahren bundesweit etwa 100 Millionen Altbäume sowie mehrere Millionen Jungpflanzen abgestorben.

Im Winter ist es laut Lehmann sehr schwer, die Schäden zu sehen. An der Baumkrone
könne man den Zustand des Baumes jedoch einschätzen.

Lehmann betrachtet noch immer die verdurstende Buche. „Ideal ist es, wenn der Niederschlag das Jahr über gleichmäßig verteilt ist. Der Wald speichert nämlich schon im Winter Wasser für den Sommer. Wenn es Anfang des Jahres also zu wenig regnet und dann ein heißer, trockener Sommer folgt, dann fehlt den Bäumen Wasser. Das schwächt den Wald und macht ihn anfällig für Schädlinge“, berichtet der Förster. Dieser Umstände wegen betrifft das Waldsterben alle einheimischen Baumarten: die Buche kämpft vor allem mit dem Trockenstress, Eiche und Kiefer mit Blattkäfern. Am schlechtesten geht es der Fichte, die unter dem gemeinbekannten Borkenkäferbefall leidet. Das ist besonders in den Monokulturen des Schwarzwaldes ein gewaltiges Problem, denn die Schädlinge verbreiten sich dort ungehindert.

Ein reales Problem

Es wird immer heller im Degerlocher Forst. Abseits der Wege bedecken morsche Stämme und Äste den Waldboden. Die Natur sieht hier ursprünglich aus. Tatsächlich gehe es den Wäldern in der Region Stuttgart sehr gut. „Der Boden hier ist sehr nährstoffreich. Ich muss sogar sagen, das Wachstum der Bäume ist aktuell so gut wie noch nie“, erklärt Lehmann.

Damit das so bleibt, stecken Lehmann und seine Kollegen sehr viel Schweiß in den Forst. „Wegen des Schädlingsbefall fällen wir sehr viele Nadelhölzer, damit sich die Käfer nicht vermehren. Wenn wir neue Bäume pflanzen, dann setzen wir Arten ein, die mit den neuen klimatischen Bedingungen besser zurecht kommen. Ein Beispiel wäre hier die Traubeneiche.“ Der Wald sterbe nicht, er verändere sich bloß.

Der Wald ist ein großes Gut. Er versorgt uns mit Sauerstoff und Rohstoffen. Wir können ihn nicht nur nutzen und ihn dann fallen lassen, wenn es ihm schlecht geht.

Heslacher Wand: Täglich fahren tausende Autos Richtung Sindelfingen.

Abzweigung. Es geht bergab bis zu einer Lichtung, von der aus man auf die Heslacher Wand schauen kann. Ein Mischwald zieht sich an dieser Hügelformation nach oben, an ihrem Fuße führt die B14 vorbei. Tausende Autos fahren täglich aus der Innenstadt kommend, Richtung Sindelfingen. Drumherum Wald – soweit das Auge reicht. Lehmann wird ernst: „Der Wald ist ein großes Gut. Er versorgt uns mit Sauerstoff und Rohstoffen. Wir können nicht ihn nicht nur nutzen und ihn dann fallen lassen, wenn es ihm schlecht geht. Die Schäden halten sich hier in Grenzen, aber in anderen Regionen steht der Wald am Existenzminimum.“

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