Die ganze Zeit war es sehr weit weg. Ausgebrochen in der chinesischen Metropole Wuhan, breitete sich das Coronavirus erst im Rest der Volksrepublik aus und sprang dann auf umliegende Staaten über. Nun ist es auch bei uns angekommen. Und mit „bei uns“ meine ich: direkt in meiner WG. Mein Mitbewohner, 25, ist ein Verdachtsfall, er befindet sich in häuslicher Quarantäne. Und mit ihm – ich.
Alles fing damit an, dass er zum Skifahren nach Südtirol gefahren war. Zu diesem Zeitpunkt war die Region noch kein Risikogebiet. Deshalb machten wir uns keine Sorgen, als er eine Woche später mit leichten Erkältungssymptomen zurückkam. Husten, Schnupfen, nichts Außergewöhnliches nach dem Wintersport. Und überhaupt – das habe er schon gehabt, bevor er losgefahren sei. Okay, dachten wir, das kann kein Corona sein.
Diese Einstellung änderte sich ins Gegenteil, als bekannt wurde, dass immer mehr Infizierte zuvor in Südtirol gewesen waren. Außerdem stufte das Robert-Koch-Institut (RKI) vergangenen Donnerstag die norditalienische Urlaubsregion als Risikogebiet ein. Vielleicht dann doch mal testen lassen.
In häuslicher Quarantäne
Mit dieser Einstufung des RKI begann für mich Tag eins der Sippenhaft. „Herr Berner, bleiben Sie besser zu Hause“, hieß es aus der Redaktion. Die Kollegen hatten schließlich von meinem skibegeisterten Kumpel mitbekommen – durch meine eigenen Scherze.
Am wenigsten zu Lachen hatte aber er: An wen wendet man sich, wenn man so eine Neuigkeit vor den Latz geknallt bekommt? An den Arzt? Keine gute Idee. Mal davon abgesehen, dass der Andrang hysterischer Erkältungspatienten unglaubliche Wartezeiten verursachen würde – die Chance, sich tatsächlich mit dem Coronavirus zu infizieren, ist in einem Wartezimmer am besten. Also hielt er sich an die offiziellen Empfehlungen. Arzt anrufen, sich zum Gesundheitsamt weiterschicken lassen und mehrmals versuchen, beim Amt jemanden zu erreichen. Überlastet.
Die Stimmung dort war komisch.
Mitbewohner, 25, als er vom Corona-Testzelt berichtete
Tatsächlich kam er irgendwann durch. Er solle sich im Katharinen Hospital Stuttgart testen lassen, lautete die Anweisung. Das tat er auch. „Die Stimmung dort war komisch“, erzählte er. Direkt vor der Klinik seien zwei Zelte aufgebaut worden, daneben stehe ein Laster des Deutschen Roten Kreuzes. „Ein Mitarbeiter vom DRK hat mir einen Mundschutz gegeben und meinte nur so: ‚Auch beim Skifahren in Südtirol gewesen?‘“. Der Mann schickte ihn in das Wartezelt.
Der Abstrich
„Alles wirkte improvisiert“, berichtete mein Mitbewohner. „In dem Zelt war es kalt, windig und es hat draußen geregnet. Ich kam rein und da saßen vielleicht 15 andere Menschen.“ Alle hätten einen Mundschutz getragen und keiner Symptome gezeigt. „Außer mir hat niemand gehustet. Ich hatte wirklich das Gefühl, das sind gesunde Menschen, die sich vorsichtshalber durchchecken lassen“, sagte mein Mitbewohner. Immer mehr Menschen seien hinzu gekommen, vor allem Familien.
Nach eineinhalb Stunden durfte er in ein weiteres Zelt. Dort musste er ein Formular ausfüllen. Name, Vorname, wo er gewesen war, wo er wohne und mit wem zusammen.
Dann sei er in einen Raum im Inneren des Hospitals geschickt worden. Dort machte eine Mitarbeiterin den Abstrich. „Eine Ärztin erklärte mir, wie es weitergeht“, sagte mein Zimmernachbar. „Sie ordnete solange Quarantäne an, bis ich das Ergebnis habe. Und das könne zwei bis drei Werktage dauern.“ Zur Erinnerung: alles geschah an einem Freitag.
Ein Wochenende Quarantäne
Das mein Mitbewohner in den kommenden Tage das Haus nicht verlassen durfte, war klar. Aber wie sollte ich mich verhalten? Die Ärztin im Hospital habe im Bezug auf mich gemeint, ich solle mich bei Symptomen ebenfalls testen lassen. Ich dürfe das Haus verlassen, sollte aber vorsichtshalber daheim bleiben.
Letzteres macht für mich deutlich mehr Sinn. Immerhin gibt das RKI an, dass das Coronavirus mittels Tröpfchen übertragen wird und in einigen Fällen sehr milde bis gar keine Symptome auslöst. Ergo: Ich könnte es haben, merke es bloß nicht. Deshalb mache ich die Quarantäne zunächst solidarisch mit. Immerhin ist ein Wochenende daheim auch keine unverhältnismäßige Zumutung. Wie es kommende Woche weitergeht, wird der Test zeigen. Ich hoffe (und insgeheim tippe ich auch) auf eine Erkältung, dann hätte das Ganze ein Ende. Nicht nur, dass das für unsere Körper eine gute Nachricht wäre. Auch für unsere Psyche wäre das schön, denn bei zwei Wochen Quarantäne würde mir echt die Decke auf den Kopf fallen.
1 Kommentar