Es ist Dienstagmorgen kurz vor 7 Uhr. Ich merke deutlich, dass es wärmer wird. Der Schnee, der noch vor ein paar Tagen die ganze Stadt bedeckt hatte, schmilzt langsam vor sich hin. An manchen Stellen ist er gefroren, aus sonst harmlosen Gehsteigen werden tückische Rutschpisten. Ich schlendere, ja schlittere fast, durch den Stuttgarter Osten. Ein paar wenige Menschen begegnen mir. Es fällt schwer, sie einzuschätzen: Freuen sie sich? Sind sie traurig? Kaum zu erkennen hinter ihren FFP-2-Masken. Ich bin guter Dinge, spaziere ziellos durch die Straßen in Richtung Innenstadt.
Auf der Uhlandshöhe halte ich das erste Mal inne. Vor mir liegt der Kessel. Aus seinem Inneren erhebt sich das Rauschen tausender Autos – und deren Abgase. Kurzes Husten in die Armbeuge. Könnte man doch nur einen Deckel draufmachen, denke ich.
Über eine der zahllosen Staffeln (so nennt man die Treppenabschnitte, die die Straßen an den Hängen Stuttgarts miteinander verbinden) steige ich in den Kessel hinunter. Höchst konzentriert, als ginge ich über rohe Eier. Ich wäre sicherlich nicht der erste, dem es auf einer schlecht gestreuten Staffel die Beine wegzieht, dessen Steißbein auf dem kalten Stein zerschellt.

Ich erblicke den Hauptbahnhof mitsamt zugehöriger Megabaustelle, ohne die ich dieses Gebäude gar nicht kenne. Gab es eine Zeit vor der Baustelle? Zumindest erinnere ich mich nicht daran. Ich gelange auf die Werastraße. Sie führt in Richtung Landgericht und Olgaeck.
An der John Cranko-Schule schieße ich ein paar Erinnerungsfotos an diesen herrlichen Februarmorgen. Dabei fasziniert mich die moderne Architektur der Ballettschule, genauso wie ein blauer Stahlring, der in einem Betonquader eingelassen ist. Hinter einer Sandsteinmauer guckt ein Efeugewächs hervor, auch davon mache ich ein Bild. Dann kriecht die Kälte unter meine Synthetik-Daunenjacke. Für mich das Zeichen, weiterzugehen.

An einer Ecke nahe des Landgerichts entdecke ich diesen Stromkasten. Er ist besprüht, beklebt, beschmiert. Eine Leinwand der Straße quasi, die viele Passanten sicherlich gar nicht wahrnehmen. Dabei hat der Kasten viel zu bieten, wenn man ihn genauer betrachtet.
So müssen zwei Künstler seinen Zweck offenbar missverstanden haben. In seinem Innenleben wird Strom verteilt, Elektrizität. Der Fisch und der Schriftzug Aqua (also Wasser) sind demnach etwas fehlplatziert – man könnte sogar von „kompletter Quatsch“ reden. Neben fünf Tags, bei denen mir nicht klar ist, was sie bedeuten sollen, lohnt sich auch ein Blick auf die Komposition aus Stickern. Dort trifft der „Bavario“ aus dem Freistaat auf den stolzen Badener aus „Monnem“. Regenbogen mit Regen, Oliver und irgendwas im Mund – dieser Stromkasten regt zum Nachdenken an.

Mein Foto-Spaziergang endet am Stadtpalais mit diesem Motiv. Es ist ein Laternenpfahl, der hinter dem Museum steht. „UNR CREW“? oder „WNR CREW“? Könnte das für Waiblinger Crew stehen? Vielleicht ist es aber auch schlicht ein schlampig getagtes „OUR CREW“. Oh da sehe ich gerade – meine U-Bahn kommt gleich. Bis demnächst also.


